• Mi. Aug 10th, 2022

Versicherer: Prävention spielt weiter zu kleine Rolle

Zimmerleute reparieren ein bei der Flut beschädigtes Fachwerkhaus im Ahrtal. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Boris Roessler/dpa)

Nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr bauen zahlreiche Geschädigte ihre zerstörten Häuser nach Angaben von Versicherern trotz der Gefahren in besonders betroffenen Regionen wieder am selben Ort auf.

«Bis auf 34 Häuser werden alle Häuser an Erft und Ahr wieder am selben Standort errichtet», sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Jörg Asmussen, am Mittwoch in Berlin.

Ein prinzipieller Unwille bei Betroffenen, in weniger stark gefährdeten Regionen neu zu bauen, lasse sich indes nicht erkennen, sagte Annegret Thieken, Professorin für Naturrisikenforschung an der Universität Potsdam. Ausschlaggebend seien andere Faktoren. «Zum einen müssen wir bedenken, dass die Betroffenen möglichst schnell wieder aufbauen wollen, um möglichst schnell wieder in den Alltag zurückzukommen.» Eine langwierige Suche nach neuen Standorten schrecke ab.

GDV-Chef fordert neue Konzepte

«Zudem ist die Flächenverfügbarkeit in Tälern nicht immer gegeben», betonte Thieken. Mancherorts seien potenzielle alternative Bauflächen begrenzt, weil sie etwa in Landschaftsschutzgebieten lägen und nicht ohne weiteres umgewidmet werden könnten. «Das ist eine Gemengelage, die nicht einfach zu beantworten ist», sagte die Wissenschaftlerin. «Da braucht es neue Konzepte.»

Diese forderte auch GDV-Chef Asmussen. «Wir glauben, dass dadurch die Chance verpasst wird, deutlich besser und widerstandsfähiger zu sein», sagte er. Der Wiederaufbau in den Regionen zeige, dass Prävention nach wie vor eine «viel zu geringe Rolle» spiele, «sowohl auf kommunaler Ebene als auch bei den Haushalten selber». Dabei werden extreme Wettersituationen in Zukunft nach GDV-Angaben statistisch immer häufiger auftreten.

8,5 Milliarden Euro Versicherungsschaden

Die Naturkatastrophe mit Dutzenden Toten hatte im vergangenen Jahr einen Versicherungsschaden in Höhe von rund 8,5 Milliarden Euro verursacht. Dem GDV zufolge haben Versicherer davon inzwischen rund fünf Milliarden Euro ausgezahlt. Beim verbleibenden Viertel der Schadensfälle dauere der Wiederaufbau an. Gestiegene Materialkosten in Folge der Inflation und lange Wartezeiten bei Handwerkern verzögerten häufig die Instandsetzung, betonte Asmussen.

Der GDV geht deshalb davon aus, dass sich ab dem kommenden Jahr auch der Baupreisindex für Wohngebäude sowie der Lohnpreisindex für das Baugewerbe erhöhen werden. Aus diesen Indizes ergibt sich die entsprechende Anpassung für die Beiträge in der sogenannten gleitenden Neuwertversicherung für Wohngebäude. Mit dieser Versicherung wird sichergestellt, dass die Gebäude zum aktuellen Wert vor dem Schaden versichert sind und nicht zum Wert des jeweiligen Baujahres.

Asmussen bekräftigte die ablehnende Haltung des Verbands mit Blick auf eine mögliche verpflichtende Elementarschadenversicherung, die Schäden von Naturgefahren abdecken soll.

Die versicherten Schäden der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr stehen indes nur für einen kleinen Teil des Gesamtschadens. Dieser belief sich nach Einschätzung von Fachleuten von Anfang dieses Jahres auf mindestens 33 Milliarden Euro.