Die Verzögerungen bei den Bauarbeiten an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin sorgen für Empörung und Unverständnis in der Politik. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte die Bahn auf, «so schnell wie möglich» ein belastbares Konzept vorzulegen, «damit die wichtige Verbindung zwischen Berlin und Hamburg wieder in Betrieb gehen kann».

Brandenburgs Verkehrsminister Detlef Tabbert (parteilos) sprach von einem «herben Rückschlag für die Menschen in unserer Region, gerade wenn ich an die Pendler denke». Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Wolfgang Blank (parteilos) sagte, dass er und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) erst vor wenigen Tagen Bahnchefin Evelyn Palla getroffen hätten. «Die Ministerpräsidentin hat ausdrücklich gefragt, ob es bei der Eröffnung bleibt. Da gab es kein Wort von der Bahn zur Verzögerung», sagte Blank.

Bahn: Probleme bei Kabeltiefbauarbeiten wegen Frost

Die Bahn hatte am Montag mitgeteilt, dass sie aufgrund des Winterwetters mit Frost und Schnee den Termin zur Fertigstellung der Streckensanierung Ende April nicht einhalten kann. Erst am 13. März will der bundeseigene Konzern mitteilen, wann auf der Strecke wieder Züge fahren können. Am Dienstag hieß es, es gehe um eine Verzögerung von «wenigen Wochen, nicht von Monaten». Die Lage habe in den vergangenen Tagen neu bewertet werden müssen, die Öffentlichkeit sei «umgehend» informiert worden. 

Die Arbeiten sind der DB zufolge seit sechs Wochen in Verzug, weil Frost und Schnee Kabeltiefbauarbeiten für die Signal- und Stellwerksanlagen nahezu unmöglich machten. Schwierig gestalten sich der Bahn zufolge aufgrund der Kälte auch Arbeiten an den Oberleitungen. 

Für Reisende sind das schlechte Nachrichten. Mit Zügen des Fernverkehrs dauert die Fahrt zwischen Hamburg und Berlin wegen der Umleitung derzeit 45 Minuten länger. Im Regionalverkehr fahren Ersatzbusse – auch hier ist die Fahrzeit für die meisten Strecken deutlich länger. Begonnen haben die Arbeiten Mitte August. 

Immer mehr Risse am Konzept Generalsanierung

Eigentlich sollten die Generalsanierungen von rund 40 Strecken der Befreiungsschlag der Bahn im Kampf gegen die marode Infrastruktur und dadurch unpünktliche Züge sein. Die Grundidee: Die wichtigsten Strecken werden rund ein halbes Jahr lang voll gesperrt und grundlegend saniert. Dabei war klar: Die langen Vollsperrungen sind für die Bahnfahrer ärgerlich. Die Aussichten auf reibungslosen Verkehr nach den Bauarbeiten sollten diesen Ärger aber stets lindern. Allerdings hat das einst verheißungsvolle Konzept inzwischen einige Risse bekommen:

Die Bauzeit

Ursprünglich war geplant, die etwas mehr als 40 Generalsanierungen bis 2031 zu erledigen. Inzwischen wurde der Zeitplan bis 2036 gestreckt, damit nicht zu viele Sanierungen gleichzeitig das Netz belasten. In der Bahn-Branche kam die zeitliche Streckung gut an. Dort gab es Befürchtungen, die Bahn sei sonst mit Planung und Bau überfordert. 

Ebenfalls verlängert hat sich die Bauzeit bei einzelnen Generalsanierungen. Statt einem halben Jahr sollten etwa die Bauarbeiten zwischen Hamburg und Berlin neun Monate dauern – plus die nun angekündigte Verlängerung. Die Baustelle auf der Strecke Emmerich-Oberhausen soll sogar eineinhalb Jahre bestehen – allerdings nicht mit dauerhafter Vollsperrung. 

Die Kosten

Wie so oft bei großen Bauprojekten liegen auch hier die tatsächlich Kosten schnell über den Budgetplänen. Die Riedbahn etwa war mit 500 Millionen Euro veranschlagt – und kostete letztlich 1,3 Milliarden. Für die Strecke Hamburg-Berlin wurden 2,2 Milliarden Euro veranschlagt – angesichts der Verlängerung ist eine Erhöhung dieses Budgets wahrscheinlich. 

Die Baustellen vor und nach Generalsanierungen

Bei den Generalsanierungen werden Baumaßnahmen gebündelt abgearbeitet – alles lässt sich so aber dann doch nicht erledigen. Auf der Strecke Hamburg-Berlin wurde schon ein Jahr zuvor monatelang gebaut, weil Arbeiten nicht aufgeschoben werden konnten. Ähnlich ist es bei der Strecke Hamburg-Hannover: In diesem Jahr ist eine Sanierung geplant, 2029 dann die Generalsanierung. 

Es gibt auch den umgekehrten Fall: Auf der Strecke Nürnberg-Regensburg läuft seit einigen Tagen die Generalsanierung, 2029 stehen schon die nächsten Bauarbeiten an: Bei nächtlicher, eingleisiger Sperrung soll ein Überholgleis für den Personen- und Güterverkehr gebaut werden. Bei der Generalsanierung kann das nicht erledigt werden, da zumindest bis Herbst 2025 kein Planrecht vorlag. 

Das Baufreiheitsversprechen 

Im Gegenzug für die harten Belastungen durch die Vollsperrungen versprach die Bahn zu Beginn ihrer Generalsanierungs-Pläne acht bis zehn Jahre Baufreiheit für jeden Korridor. Das Versprechen wurde später auf fünf Jahre verkürzt – und es mehren sich die Anzeichen, dass auch dieser Zeitraum nicht auf allen Strecken eingehalten wird. 

Die Leit- und Sicherungstechnik 

Ein Grund dafür ist die Leit- und Sicherungstechnik, die der Bahn verschiedene Probleme bereitet. Bei den Generalsanierungen werden alle Strecken mit elektronischen Stellwerken ausgestattet, eigentlich war auch die digitale Technik ETCS vorgesehen. Die Inbetriebnahme sollte dann jeweils am Ende der Bauzeit erfolgen. In einigen Fällen prüft der Konzern aber eine «nachgelagerte Inbetriebnahme» – damit Sperrungen nicht noch länger dauern. Das führt dann aber zu Verkehrseinschränkungen zu einem späteren Zeitpunkt.

Branche: Generalsanierungen müssen auf den Prüfstand

In der Bahn-Branche kommen angesichts der Probleme bei den Generalsanierungen grundsätzliche Fragen auf. «Bund und Bahn müssen verbindliche Standards für Generalsanierungen festlegen, die auf jeden Fall eine deutliche Kapazitätssteigerung für die Strecke und belastbare Zeitpläne vorsehen», sagt Dirk Flege von der Allianz Pro Schiene. «Hamburg-Berlin hätte eigentlich einen großen Zeitpuffer haben müssen, weil weniger gebaut wird als ursprünglich vorgesehen.» Nun reichten aber die neun Monate Totalsperrung nicht einmal für die abgespeckte Variante aus. 

Ähnlich reagierte Peter Westenberger vom Verband der privaten Güterbahnen: «Die Planung der Korridorsperrungen muss endlich wirklich auf den Prüfstand.»